Strategien zur Lösung der Welternährungskrise

In einer Aktuellen Stunde auf Anfrage der Grünen Fraktion meldete sich Manfred Zöllmer zu den Strategien der Bundesregierung zur Lösung der aktuellen Welternährungskrise zu Wort:

Noch nie wurde so viel geerntet wie 2007. Gegenüber 2006 haben wir ein Plus von 4,7 Prozent bei Getreide, und in diesem Jahr wird ein weiterer Zuwachs erwartet. Dies prognostiziert jedenfalls die FAO. Gleichzeitig wurde in Ägypten nach Protesten der Bevölkerung die Armee zum Brotbacken abkommandiert, in Bangladesch gab es Straßenschlachten, in Kamerun starben 24 Menschen bei Unruhen, in Haiti gab es Straßenschlachten, und in Paraguay wurde die Regierungspartei abgewählt, die über 60 Jahre an der Macht war. Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieser Widerspruch ist Ausdruck der Komplexität dieses Themas.

Zu den Ursachen ist heute hier schon viel gesagt worden. Für mich gibt es einen Punkt, den ich am Rande einmal erwähnen möchte. Es geht um das – ich will es einmal so formulieren – „Lebensmittel kommen aus dem Supermarkt“-Syndrom. Landwirtschaft gilt vielfach als „uncool“. Landwirtschaft ist häufig ein politisches Randthema – auch bei uns –

(Dr. Karl Addicks [FDP] : Bei mir nicht!)

und wird bestenfalls im Rahmen der TV-Serie „Bauer sucht Frau“ mit großer medialer Aufmerksamkeit registriert. Dieses „Landwirtschaft ist nicht cool“-Syndrom gibt es auch in abgewandelter Form in vielen Entwicklungsländern. Da entstehen Wohnsiedlungen, Fabriken, Einzelhandelszentren und Golfplätze. Für Industrieförderung und moderne Dienstleistungen stehen Mittel zur Verfügung. Aber einheimische Nahrungsmittelpflanzen und bäuerliche Landwirtschaft müssen hingegen sehen, wo sie bleiben.

Biotreibstoff gilt vielfach als Zukunft, was die Sicherung der Mobilität angeht. Die „Treibstoffe des Alltags“ für die Menschen, die Grundnahrungsmittel, werden vernachlässigt. Die Folgen dieser weltweit falschen Prioritätensetzung holen uns jetzt ein. Viele Länder, besonders in der Dritten Welt, sind in den letzten Jahrzehnten von Selbstversorgern zu Importeuren von Grundnahrungsmitteln geworden.

(Dr. Karl Addicks [FDP] : Ich denke, wir wollen über die Maßnahmen sprechen!)

Der Prozess weltweit ständig sinkender Nahrungsmittelpreise bei wachsenden Produktionsmengen hat sich abrupt umgekehrt. Explodierende Energiepreise, Wetterextreme und Spekulanten, die neue und lukrative Anlagemöglichkeiten entdecken, haben diese Prozesse massiv verstärkt.

Hinzu kommen deutliche Veränderungen auf der Nachfrageseite. Die Nachfrage an Lebensmitteln ist dank der Steigerungen der Einkommen von Indern und Chinesen deutlich gestiegen. Das Stichwort Fleischkonsum ist bereits gefallen. Das bedeutet aber: Mehr Futtermittel und größere Anbauflächen müssen für die Fleischproduktion bereitgestellt werden. Aus 100 Kalorien Getreide werden 10 Kalorien Fleisch. 90 Prozent der geernteten Nahrungskalorien gehen dadurch verloren.

Rein rechnerisch wird genug Getreide produziert, um alle Menschen ausreichend zu ernähren. Aber das gilt eben nur rein rechnerisch. In manchen Ländern geht bis zu einem Drittel der Ernte durch falsche Lagerung und durch Schädlinge verloren. In vielen Entwicklungsländern ist die Transportinfrastruktur völlig marode, was entsprechende Auswirkungen auf die Versorgung der Bevölkerung hat.

(Dr. Karl Addicks [FDP] : Das ist wieder richtig!)

Der Klimawandel und der Wassermangel werden in Zukunft die Produktion von Grundnahrungsmitteln weiter beeinträchtigen. Die Konkurrenz von Tank und Teller steht erst am Anfang.

Zur Steigerung der Weltbevölkerungszahl ist schon etwas gesagt worden. Jede Sekunde wächst die Bevölkerung auf der Erde um einen Menschen. In 40 Jahren werden über 9 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird weiter ganz stark steigen.

Was ist zu tun? In welche Richtung muss es gehen? Es ist heute schon viel Richtiges gesagt worden. Wir müssen – das muss an erster Stelle stehen – verstärkt die ländliche Entwicklung fördern. Der Fokus der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit muss darauf gerichtet werden.

(Beifall des Abg. Thilo Hoppe [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] )

– Danke. – Wir brauchen darüber hinaus – das ist genauso wichtig – Investitionen in landwirtschaftliche Produktivität in den Entwicklungsländern. Gentechnik ist dabei ein Irrweg.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Gerade einheimische und gut angepasste Nahrungsmittelpflanzen müssen gefördert werden. In diesem Bereich brauchen wir verstärkt eine Förderung.

(Dr. Karl Addicks [FDP] : Es ist ein Luxus, auf Gentechnik zu verzichten! Die Frau Ministerin hat die Biotechnologie genannt!)

– Wir haben überhaupt nichts gegen Biotechnologie. Ich habe von Gentechnik gesprochen. Wenn Sie sich einmal anschauen, wie weit die Forschung ist, dann werden Sie feststellen: Die Gentechnik leistet zurzeit überhaupt keinen Beitrag zur Lösung der Probleme.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN – Widerspruch des Abg. Hans-Michael Goldmann [FDP] )

Wir brauchen verbesserte Anbaumethoden. Wir brauchen Programme zur Expansion der Produktion. Die Vermarktung der Produkte muss verbessert werden. Es muss in die ländliche Infrastruktur investiert werden, um Ernteverluste zu verringern.

Für Biotreibstoffe brauchen wir Zertifizierungssysteme. Wir brauchen natürlich auch faire Handelsbedingungen – ich sage das ausdrücklich – für Agrarprodukte. Agrarexportsubventionen gehören dabei in die Mülltonne für überlebte handelspolitische Instrumente.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Walter Kolbow [SPD] )

Handelspolitik muss aber auch ein Geben und Nehmen sein.

Vizepräsidentin Petra Pau: Kollege Zöllmer, achten Sie bitte auf die Redezeit.

Manfred Zöllmer (SPD):

Der Präsident der Weltbank, Robert Zoellick, hat zu Recht einen „new deal for global food policy“ gefordert. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist es allerdings, der Landwirtschaft wieder einen höheren Stellenwert zu geben. Lebensmittel kommen nicht aus dem Supermarkt. Sie müssen produziert werden. Dafür müssen die Bedingungen stimmen.

(Zuruf von der FDP: Das hat die CDU schon bei den Koalitionsverhandlungen gefordert, Herr Kollege! Warum sind Sie darauf nicht eingegangen?)

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD)

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