Von Ägypten nach Berlin – Caroline Assad berichtet

Im Rahmen des Stipendiums (IPS) Sonderprogramm Arabische Staaten 2016 war in diesem Jahr Frau Caroline Assad in meinem Berliner Büro. Das Programm richtet sich an politisch interessierte arabische Nachwuchstalente, die sich in ihren Heimatländern aktiv für demokratische Grundwerte engagieren wollen.

Manfred Zöllmer mit Caroline Assad

Der Deutsche Bundestag gibt Ihnen die Gelegenheit, in einem vierwöchigen Kompaktprogramm das deutsche parlamentarische System und politische Entscheidungsprozesse im Deutschen Bundestag kennenzulernen.

Hier Ihr sehr interessanter Bericht:

Alexandria und Studium

Geboren und aufgewachsen bin ich in Alexandria, wo ich auch eine deutsche Schule besucht habe. Ich zog nach meinem Abitur in Alexandria im Rahmen eines DAAD-Stipendiums nach Deutschland und absolvierte meinen Bachelor in Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin.

Daraufhin folgte meine Arbeit im DAAD/FU Projekt zur „Gender Gleichstellung im ägyptischen Hochschulsystem“ in Kairo. Aus dieser Erfahrung konnte ich vieles aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit kennenlernen.

Zurzeit schreibe ich meine Masterarbeit im Fachbereich der Bildungswissenschaften über „Willkommensklassen als Bildungsdiskurs“. Meine Ergebnisse tragen unmittelbar zum Verständnis sensibler multilingualer Lernsettings bei. Während meines Masterstudiums konnte ich mich an der Humboldt Universität zu Berlin im Verwaltungsbereich von Drittmittelprojekten betätigen, was mir einen ersten Einblick in die Verwaltungsarbeit, die mit Projektmanagement einhergeht, gegeben hat. Projektmanagement wurde dann schnell zu dem, was ich hauptsächlich mache. Bildungsprojekte in multilingualen heterogenen Lernsettings sind mein momentaner Tätigkeitsbereich; Bildungssettings, die von hoher Diversität sowie Migrations- und Fluchtkontext gekennzeichnet sind. Ich genieße im Moment die Arbeit an der deutschen Universität Kairo im Campus Berlin als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache sowie die vielfältigen Arbeitsaufgaben bei der gemeinnützigen Organisation CamP Group gGmbH, einem international tätigen Think- & Do- Tank, die von Veranstaltungsmanagement, Projektmanagement, Recherche, Durchführen von Interviews und Übersetzungen, bis zu Verwaltung und zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen reichen.

IPS-Programm

Meine Hauptmotivation, mich für das Stipendium zu bewerben, bestand darin, dass ich die politische Ebene kennen lernen wollte, von den Konflikten, den Herausforderungen und den Chancen im Rahmen derer zivilgesellschaftliche Organisationen auf akademischer sowie auf handlungspraktischer Ebene agieren.

Beispielsweise haben sich viele Organisationen und Stiftungen im Rahmen der Flüchtlingskrise in 2015, oder im Rahmen der Demonstrationen des arabischen Frühlings in 2011 in Situation gebracht, zu den gesellschaftspolitisch aktuellen Zuständen zu handeln und zu forschen. Dies geschieht und geschah auf nationaler sowie auf internationaler Ebene. Auch ich als Individuum sah mich dadurch sehr stark beeinflusst und habe mich in meinen Lebensentscheidungen sehr davon leiten lassen, aktiv zu werden, im Rahmen dieser gesellschaftspolitischen Transformationsprozesse. Weiterhin war es für mich von Bedeutung, zu erfahren, wie Uneinigkeiten auf internationaler Ebene zwischen den einzelnen Staaten sowie auf nationaler Ebene zwischen den einzelnen Parteien in parlamentarischen Gesprächen und Kommunikationsebenen diskutiert und angesprochen werden. Beispielsweise wurde der letzte Besuch des ägyptischen Präsidenten Al Sisi nach Deutschland sehr kontrovers in den Medien diskutiert und es wurde von den Standpunkten der einzelnen Politikerinnen berichtet. Es bleibt dennoch unklar, wie solche kontroverse Themen hinter den Kulissen debattiert und diskutiert werden.

Im Rahmen des IPS Programms war es möglich sehr viel vom Parteienleben und dem Alltag der Bundestagsabgeordneten zu erfahren. Mein Praktikum im Abgeordnetenbüro von Herrn Manfred Zöllmer (SPD) hat sehr dazu beigetragen, dass ich die praktische Seite dieser Arbeit kennen lernen durfte. Eine Experten-Anhörung, Ausschusssitzung, Plenarsitzung, Fraktionssitzung, Besprechung von Anträgen, all dies hat es möglich gemacht, sich ein klareres Bild von der parlamentarischen Arbeit zu bilden. Besonders dankbar bin ich für die Betreuung im Abgeordnetenbüro von Herrn Zöllmer. Es hat mich sehr gefreut mit Herrn Zöllmer ein vertieftes Gespräch über die Flüchtlingspolitik Deutschlands, über Minderheiten im deutschen System und im ägyptischen System, sowie über die Zukunftsszenarien der arabischen Region zu sprechen. Vor allem ist es für mich klargeworden, was eine Destabilisierung der nordafrikanischen Region und besonders eines Landes wie Ägypten mit 100 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner für Deutschland bedeuten würde. Dass die unterschiedlichen Weltregionen sehr in Zusammenhang miteinander stehen und dass das gesellschaftliche Leben in den unterschiedlichen geopolitischen Regionen sich gegenseitig stark beeinflusst ist für mich aus dem Gespräch sehr präsent.

Meine Mitstipendiaten

Ein weiterer Aspekt, mich für das IPS Programm zu bewerben bestand darin, andere Peers aus arabischen Staaten, die sich gesellschaftspolitisch in ihren Ländern engagieren bzw. engagieren wollen, zu begegnen. Tatsächlich war dies der Fall. Begegnungs- und Dialogmöglichkeiten innerhalb sowie außerhalb des formalen Programms waren ausreichend vorhanden. Daher ist es eine große Bereicherung gewesen, beispielsweise von einer jungen omanischen Frau zu erfahren, wie sie das Leben im Oman erlebt und wie sie das politische System des Oman bewertet. Themen wie Religionsfreiheit, Korruption, LGBTQ Rechte in unseren unterschiedlichen arabischen Ländern waren heiß diskutierte Themen, worauf sich keine Gruppe einigen konnte, die aber dennoch respektvoll diskutiert wurden.

Diese Dialogmöglichkeiten ergeben sich nicht als Selbstverständlichkeit in vielen arabischen Ländern.

In Ägypten ist es oftmals gefährlich, bestimmte Meinungen zu vertreten. In der Opposition zu sein, ist viel schwieriger in Ägypten als in Deutschland, meiner Meinung nach. Im Moment wird Ägypten vom ehemaligen Militärchef Al Sisi regiert. Tatsächlich stellt das Militär für die meisten Ägypterinnen und Ägypter eine Quelle der Sicherheit und des Schutzes dar. Seitdem das Mubarak Regime und daraufhin die Muslimbruderschaft gestürzt wurde, erlebt Ägypten auf nationaler Ebene erhebliche Gefahren vor allem an der Sinai-Grenze, durch den islamischen terroristischen Staat ISIS. Im Angesicht der turbulenten und der brutalen Ereignissen in Syrien, Jemen, Irak und Libyen, alles arabische Nachbarstaaten, ist es nachvollziehbar, dass die ägyptische breite Masse, ihre Entscheidung für das Symbol der starken Macht trifft, pro Militär und pro Al Sisi. Dennoch bleibt somit die Demokratie in dem Sinne von parlamentarischer Arbeit und Parteien- und Meinungsfreiheit erst einmal aus. Opposition in Ägypten im heutigen Zustand zu sein, bedeutet oftmals ohne Gerichtsverfahren verhaftet zu werden. Da ist nicht die Rede von islamistisch terroristischen extremistischen Gruppen, sondern ebenfalls von gemäßigten islamischen und säkularen organisierten Oppositionsgruppen sowie Individuen. Auch Journalisten und Juristen, die sich kritisch einer Entscheidung des Staates gegenüber äußern, beispielsweise der junge Rechtsanwalt Malek Adli, erleiden oft das Schicksal von Gefängnis und Folter. Optimal wäre es, wenn man das zivilgesellschaftliche Leben, die Dialogkultur, die verantwortliche Freiheit der Gesellschaft und des Individuums, und gleichzeitig die nationale Sicherheit meines Landes stärken könnte. Dazu gehören sicherlich auch starke Institutionen, Gesetzgebungsverfahren, Rechtsstaatlichkeit und Maßnahmen der Überprüfung staatlichen Handelns sowie der Kontrolle von Regierungsakteuren. Korruption bei der Polizei oder ein vernachlässigtes Bildungssysteme sind in Ägypten häufig Realität. Dennoch sollten der Aktivismus und die Courage der jüngeren Generation nicht übersehen werden. Die Generation, die im Rahmen des arabischen Frühlings auf die Straße ging, um sich ihr Recht auf Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu sichern werden sich auch weiter engagieren.

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