Praktikumsbericht Daniel Florian

Politik nach Lehrbuch? – Daniel Florian, Politikwissenschaftler

(06.03.2006) Daniel Florian hat gelernter Politikwisenschaftler ein ganzes Stück politischer Theorie mit in mein Berliner Büro gebracht – ein nicht zu unterschätzender Fundus an Wissen. Mit seinem einhergehenden journalistischen Hintergrund war er als Praktikant eine hervorragende Wahl. In seinem Bericht stellt er seine Perspektive auf die Arbeit im Bundestag dar.

Nach fünf Jahren Studium der Politikwissenschaften hatte ich eigentlich gedacht ich wüßte wie „Politik gemacht“ wird. Das Praktikum im Berliner Büro von Manfred Zöllmer hat aber auch gezeigt, dass in der Politik nicht immer alles nach „Lehrbuch“ funktioniert. Übrigens ist man nicht nur als Politikwissenschaftler ist oft von den Ereignissen in Berlin überrascht. Auch Bundeskanzlerin Merkel wunderte sich in ihrer Regierungserklärung: „Wer hätte noch vor einigen Wochen und Monaten gedacht, dass heute eine große Koalition antritt, um unser Land gemeinsam in die Zukunft zu führen? Wer hätte gedacht, dass SPD und Union so viel Verbindendes entdecken, dass sie ein dichtes Programm für vier Jahre vorlegen? Wer hätte gedacht, dass das höchste Regierungsamt schon in diesem Jahr einer Frau übertragen wird? Wer hätte das alles gedacht?“

Die Rede von Angela Merkel konnte ich live im Reichstag verfolgen – ich hatte das Glück einen der begehrten Plätze auf der Zuschauertribüne zu bekommen. Das spannendste meiner Zeit in Berlin war allerddings nicht die Wahl von Angela Merkel oder die Regierungserklärung, die man ja auch im Fernsehen verfolgen kann, sondern die Sitzungen des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dessen stellvertretender Vorsitzender Manfred Zöllmer in dieser Legislaturperiode geworden ist. In den Ausschusssitzungen werden die einzelnen Themen beraten und Gesetzesentwürfe abgestimmt, bevor sie im Plenum verabschiedet werden. In den Sitzungen, die üblicherweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, herrscht ein sachlicher Ton und eine konstruktive Atmosphäre, was einen vielleicht überraschen mag, wenn man an die manchmal theaterreifen Debatten im Bundestag denkt.

Neben dem Besuch von Fraktions- und Ausschusssitzungen, die normalerweise nur für Abgeordnete bestimmt sind, habe ich insbesondere auch den Büroleiter Markus Caspers begleitet und damit einen guten Überblick über das Arbeitsfeld eines wissenschaftlichen Mitarbeiters im Bundestag bekommen – sicherlich ein interessantes Berufsfeld für viele Politikwissenschaftler. Ein weiterer Höhepunkt des Praktikums waren der Besuch des Postfestes, zu dem die Post etwa 2.000 Leute – darunter viele Abgeordnete – eingeladen hatte.

Aber solche Veranstaltungen sind die Ausnahme. Die meisten Einladungen, die Tag für Tag ins Büro kommen, sind für Informationsveranstaltungen von Unternehmen, Verbänden oder Organisationen, die ihre Positionen einbringen möchten. Auch hieran konnte ich teilnehmen. Auch für Politikwissenschaftler gab es also viel zu lernen während des Praktikums. Und wenn man gesehen hat, mit welcher Kollegialität sich die Abgeordneten der Großen Koalition im Ausschuss begegnen, merkt man auch, dass das Lehrbuch doch noch seinen Platz im Bücherregal verdient hat.

Zur Homepage von Daniel Florian