Praktikumsbericht Jolanta Jerauszkaite

Internationales Parlamentspraktikum
Erfahrungsbericht von Jolanta Jerausžkaite

(01.10.2004) Der Deutsche Bundestag führt in jedem Jahr ein Internationales Parlamentspraktikum durch. Im Jahr 2004 absolvierte Frau Jolanta Jerausžkaite aus Litauen Ihr Praktikum in meinem Büro. Gerne haben wir sie über ihr Land, die Litauer und ihr Praktikum befragt.

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Frau Jerausžkaite, Sie absolvieren zurzeit ein Internationales Parlaments-Praktikum im Deutschen Bundestag. Könnten Sie dieses Praktikum näher beschreiben?

Das Praktikum wird vom Deutschen Bundestag, der Freien Universität, der Humboldt- Universität und der Technischen Universität durchgeführt und finanziert. Das Programm gibt qualifizierten und politisch interessierten jungen Menschen mit abgeschlossenem Universitätsstudium aus (derzeit) 18 Ost- und Südeuropäischen Ländern und den USA die Möglichkeit, das parlamentarische Regierungssystem Deutschlands kennen zu lernen.

Wie ist der Ablauf des Praktikums?

Zunächst haben die politischen Stiftungen (etwa die Friedrich-Ebert- Stiftung) uns Praktikanten im Rahmen von Kurzseminaren über das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben in Deutschland informiert. Hierzu gehörte auch ein Besuch bei der EU in Brüssel. Anschließend absolvieren wir ein Praktikum in einem Büro eines Bundestagsabgeordneten. Ich bin im Büro des Bundestagsabgeordneten Manfred Zöllmer. Hier lernen wir die Arbeitsweise des Abgeordneten und seiner Mitarbeiter, aber auch die des Parlaments und die Behandlung politischer Themen durch die Volksvertretung kennen.

Ist das Praktikum auch für den Politiker von Nutzen?

Wir Praktikanten lernen nicht nur Deutschland, das politische System, die Kultur, die Geschichte und die Menschen kennen, sondern wir bringen sicher auch unsere Erfahrung und Kenntnisse über unser eigenes Land mit. Im Rahmen des Praktikums werden beispielsweise informative und kreativ organisierte Länderabende gestaltet, wo auch die Abgeordneten viel Neues über unsere Länder erfahren können. Ich glaube, dieser Austausch ist für beide Seiten interessant und nützlich.

Warum ist das Praktikum für Sie wichtig?

Ich studiere Dolmetschen in meiner Heimat Litauen und möchte nach dem Studium gerne für die EU-Institutionen arbeiten. Um diesen Beruf in Brüssel ausüben zu können, ist es von Vorteil, dass ich nicht nur die Sprachen gut beherrsche, sondern auch viele Kenntnisse über Politik, Kultur, Wissenschaft und andere Bereiche habe. Durch dieses Praktikum kann ich sowohl meine Sprachkenntnisse verbessern, als auch das politische und kulturelle Leben in Deutschland sehr gut kennen lernen.

Ihr Land ist am 1. Mai mit anderen neun Mittel- und Osteuropäischen Ländern der EU beigetreten. Wie sind die Perspektiven Ihres Landes nach dem Beitritt?

Litauen hat 1990 seine Unabhängigkeit wieder hergestellt und das ganze Volk war sehr stolz darauf. Es ist für uns sehr wichtig, dass die Sicherheit und der Frieden in unserem Land stabil ist, und das Litauen gute Chancen hat sich weiter zu entwickeln. Durch die EU- Osterweiterung wurde da ein großer Schritt zur Stabilität in unserem Kontinent gemacht. Mein Land wird bestimmt von dem Beitritt profitieren und seinen Beitrag zur europäischen Einigung leisten.

Ihr Land war fast ein halbes Jahrhundert von der Weltkarte gestrichen und wir haben wirklich nur wenig über Litauen gewusst. Wird der EU-Beitritt diese Lücke füllen?

Ich bin sehr glücklich, dass Litauen kein unbekanntes Land mehr ist und dass jetzt so viel über Litauen berichtet wird. Vor zehn Jahren war die Frage „Und wo liegt Litauen?“ eine übliche und häufige Frage. Jetzt höre ich sie kaum noch. Ich glaube, dass nach dem Beitritt mehr Menschen nach Litauen reisen und unser Land besser kennen lernen werden.

Was sollte man bereits vor einer Reise nach Litauen über Ihr Land wissen?

Dass Litauen ein schönes Land ist und Litauer offene, freundliche und nette Menschen sind. Wegen unserer Aufgeschlossenheit werden wir oft „Italiener des Nordens“ genannt. Für viele Besucher aus anderen Ländern ist diese Freundlichkeit der Menschen eine nette Überraschung.

Nach dem Ende der Sowjetrepublik (insoweit haben wir auch eine „Wende“) wurden in Litauen viele gemütliche Restaurants und Kneipen errichtet, wo man nett essen und neue Freunde kennen lernen kann. Die Altstadt unserer Hauptstadt ist die größte in Osteuropa.

Sehenswert ist die nahe der Hauptstadt liegende Burg der Großfürsten, umgeben von Seen, und natürlich die Kurische Nehrung, ein einzigartiges Stück Land an der Ostsee, das nicht nur von Litauern, sondern auch von vielen ausländischen Gästen jeden Sommer gerne besucht wird. Bereits Thomas Mann wusste das zu schätzen und ließ in der Kurischen Nehrung ein Sommerhaus für ihn errichten.

Wenn man Erholung sucht, kann man Urlaub auf dem Lande machen und unsere Natur erleben. Wenn man Urlaub auf einem Bauernhof macht, gibt die dort angegebene Zahl der Störche – statt Hotelsterne – die Qualität der Unterkunft an. Der Storch ist nämlich der am meist geliebte und verehrte Vogel in meinem Land. Die Storchennester kann man sogar an den Autobahnen beobachten. In den großen Städten finden sich vielfältige und zahlreiche Kulturstätten. Wir Litauer sind vorwiegend katholisch, weshalb es viele Kirchen in Vilnius zu besichtigen gibt. Wegen der Vielzahl der Gotteshäuser fühlt sich mancher Besucher sogar an Rom erinnert.

Wie ist das eigentlich mit der Sprache?

Man sollte wissen, dass wir litauisch und kein russisch in Litauen sprechen. Die meisten Litauer sprechen zwar auch Russisch, weil wir diese Sprache in der Schule gelernt haben. Damals war das aber eine aufgezwungene Sprache, jetzt dient sie uns mit anderen Fremdsprachen als Kommunikationsmittel. Wir sprechen gerne Fremdsprachen und lernen sie fleißig, da wir ein kleines Volk sind und unsere Sprache sehr schwierig zu lernen ist, aber wir haben sogar zu sowjetischen Zeiten litauisch gesprochen. Ich glaube schon, dass Besucher aus Deutschland sich auch sehr gut in meinem Land zurechtfinden können.

In Deutschland sind Fußball und Bier populär – wie steht’s mit Litauen?

Oh, wir haben nichts gegen Fußball, aber wir Litauer lieben Basketball und sind sehr stolz auf unsere Nationalmannschaft und die Basketballspieler, die auch im Ausland bekannt sind. Wer sich mindestens einen Namen, nämlich z. B. Arvydas Sabonis, merken kann, gewinnt sehr leicht das Herz jeden Litauers.

Man sollte sich auch litauisches Bier gönnen. Manche Gaststätten haben ihre eigenen Brauereien. Bierkenner sind der Meinung, dass unser Bier wirklich gut schmeckt. Vielleicht so gut wie deutsches…

Ihr Praktikum ist noch nicht zu Ende, können Sie trotzdem bereits ein Resümee ziehen?

Ich habe durch dieses Praktikum, besonders durch meinen Aufenthalt in Berlin, bereits viele politische und kulturelle Ereignisse in Deutschland miterleben und viele Menschen kennen lernen können. Durch die Besuche im Wahlkreis habe ich neue Städte und Menschen kennen gelernt. Meine Arbeit im Büro finde ich sehr interessant und nützlich. Ich habe da auch meine Erfahrungen eingebracht und die Geschichte, Kultur und Politik meines Landes vermittelt. Ich bin sicher, dass ich vieles nach diesem Praktikum mit nach Hause nehmen und meine Spuren hier hinterlassen werde.

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  • Einwohner: 3,488 Millionen
  • Fläche: 65 301 km²
  • Hauptstadt: Vilnius
  • Regierungschef: Algirdas Brazauskas
  • Bevölkerungsstruktur: Litauer (81%), Russen (9%), Polen (7%), Weißrussen (2%)
  • Amtssprache: Litauisch
  • Religion: Katholiken, Protestanten, orthodoxe Christen
  • Arbeitslosenquote: 16,6 %
  • Wichtige Exportgüter: Maschinen, Nahrungsmittel
  • Wichtige Importgüter: Energie, Maschinen, Nahrungsmittel
  • Währung: 1 Litas (LTL) = 100 Centas
  • Nationalfeiertag: 16. Februar (Tag der Wiederherstellung des Litauischen Staates im Jahre 1918)