Wenn Bayreuth, dann Bausch!

Oliver Scheytt und Manfred Zöllmer sprechen über Kulturpolitik mit Konzept, das Tanztheater als Botschafter und das Drama verfehlter Finanzpolitik

Oliver Scheytt in Wuppertal

Botschaft 1: Eine neue Kulturpolitik des Bundes muss sich von der Methode „auf Zuruf“ verabschieden, anstelle von Zufällen Konzepte walten lassen und den Gestus reinen Mäzenatentums überwinden.
Botschaft 2: Pina Bauschs Tanztheater gehört nach Wuppertal und in die Welt, ist ein herausragender Botschafter eines modernen, weltoffenen Deutschland und somit lebendiges kulturelles Welterbe. Punkt. – Dieses Erbe gilt es zu wahren, im Hier und Heute und Morgen fortzuschreiben und angemessen zu fördern. Der Bund sollte dies künftig entsprechend zur Kenntnis nehmen und würdigen.
Kurzum: Wenn Bayreuth, dann auch Bausch.
Botschaft 3: Ohne eine bundespolitische Verbesserung der Kommunalfinanzierung droht die lokale Kulturpolitik dauerhaft auf tönernen Füßen zu stehen.

So lauteten drei unmissverständliche Mitteilungen, die Prof. Dr. Oliver Scheytt, Mitglied des Kompetenzteams von Peer Steinbrück und somit Schattenkulturstaatsminister, dem prall gefüllten Auditorium in der Großen Wagenhalle der Alten Feuerwache mit auf den Weg gab.

Anschließend an das Impulsreferat diskutierten Scheytt, der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Manfred Zöllmer, sowie Andreas Bialas, kulturpolitischer Sprecher der SPD im Landtag, als Moderator einzelne der aufgeworfenen Fragen und schlugen im Dialog mit dem Publikum die Brücke zur Wuppertaler Lage. Als maßgeblich erwiesen sich dabei neben genuin kulturpolitischen Aspekten die finanz- und steuerpolitische Dimension, die Notwendigkeit eines dauerhaften diskursiven Grundrauschens (da es nach Überzeugung der Anwesenden einen Unterschied macht, ob über Ziele, Wege und Sinn kultureller Förderung debattiert wird oder eben nicht) sowie die Angewiesenheit der Stadt auf veränderte Rahmenbedingungen und neue Weichenstellungen. Letzteres wird insbesondere augenfällig in Hinsicht auf die Ermöglichung eines an Pina Bauschs Wirken anknüpfenden Tanzzentrums mit internationalem Anspruch unter Einbeziehung des einstweilen geschlossenen Schauspielhauses.

Zöllmer ließ aus der Sicht des Finanzpolitikers keinen Zweifel daran, dass er Pina Bausch als Leuchtturm von Weltgeltung erachte und keineswegs als wuppertalspezifisches Kulturangebot unter anderen. Die kommunale Handlungsfähigkeit müsse durch gezielte steuerpolitische Maßnahmen wie die moderate Erhöhung des Spitzensteuersatzes, die Verbreiterung der Gewerbesteuerbasis, eine Vermögenssteuer mit hohen Freibeträgen oder auch das Stopfen von Steuerschlupflöchern wiederhergestellt werden. Scheytt, Zöllmer und Bialas waren sich darin einig, dass ohne ein Hand-in-Hand-Gehen von Bund, Land und Kommunen die mehrheitlich am finanziellen Tropf der Kommunen und Länder hängende kulturelle Infrastruktur in Zeiten der Schuldenbremse notorisch gefährdet sei.

In seinem frei gehaltenen Vortrag veranstaltete Oliver Scheytt eine Tour d’Horizon entlang der wichtigsten Wegmarken kulturpolitischen Handelns der nächsten Jahre und zeichnete ein tiefenscharfes Bild seines eigenen Ansatzes, ohne dabei die Relevanz einer solchen Politik für Wuppertals kulturelle Infrastruktur und seine Aussichten als Sitz eines Tanzzentrums mit internationaler Strahlkraft auszulassen. Mit der Aufforderung zum „Handeln“, d.h. reflektiertem Entscheiden mit Plan jenseits bloßen Verhaltens und gewohnheitsmäßigen Reagierens, lässt sich der Grundtenor des Scheytt’schen Appells zu mehr kulturpolitischem (Selbst)bewusstsein annähernd exakt auf den Punkt bringen.
Mitgenommen auf diese seine Reise durch die Fülle von lauernden Fragestellungen, Chancen und Fallstricken staunten die zahlreichen Besucher nicht schlecht ob der stupenden Detailkenntnisse in Bezug auf Personen und Strukturen, die der Hauptredner des Abends, von Hause aus Jurist, Pianist mit Ausbildung an der Folkwang-Hochschule und Kulturmanager mit reichem kommunalpolitischen Erfahrungsschatz, en passant offenbarte.

Er warnte vor einer Reduktion auf den zweifelsohne überaus wichtigen Bereich der monetären Mittel seitens des Bundes und verwies auf die Notwendigkeit einer Zusammenschau von finanzieller Förderung, gesetzlichen Leitplanken (Urheberrecht, Künstlersozialkasse, Steuerrecht etc.) und des Schmiedens von Allianzen zwischen Kultur, Bildung und Stadtentwicklung. Kunst und Kultur erweisen sich aus dieser Perspektive keinesfalls als hochspezialisiertes Nischenthema, sondern als Querschnittsaufgabe diverser Ressorts.
Zugleich verwies der Macher der RUHR.2010 auf die Notwendigkeit einer Innovation nicht erstickenden Erhaltung der kulturellen Landschaft: mehr Zeitgenossenschaft, Mut zu Strukturreformen, kein defensiver Rückzug in reine Traditionspflege.
Scheytt und Zöllmer sensibilisierten für die Unverzichtbarkeit der sog. „kulturellen Ausnahme“ im Zuge eines künftigen Freihandelsabkommens zwischen den USA und der EU. Eine völlige Liberalisierung hätte u.a. hinsichtlich der Buchpreisbindung, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Filmförderung existenzbedrohende Folgen für die deutsche und europäische Kultur- und Kreativszene und das Verlagswesen.

Im Zuge der Aussprache formulierte der ehemalige Wuppertaler Kulturdezernent Heinz-Theo Jüchter ein vehementes Plädoyer zugunsten eines internationalen Tanzzentrums im Geiste Pina Bausch, welches gleichermaßen Wahrung und Präsentation des Erbes und Freiräume für die Entwicklung des Neuen zusammenbinde.
Darin brachte er die Einschätzung der Podiumsdiskutanten auf den Punkt.

Kulturpolitisch muss, insbesondere auf Seiten der Bundesregierung, der Griff zum Reset-Knopf gewagt werden, gerade darin liegt auch die Chance für die Tanz- und Kulturstadt Wuppertal und ihr Schauspielhaus an der Kluse.

Text: Helge Lindh

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