Praktikumsbericht Mirja Schröder

(08.11.2007) Mirja Schröder , 23 Jahre, studiert in Köln Volkswirtschaft. Vom 5. September bis zum 5. Oktober 2007 war sie bei mir im Büro als Praktikantin tätig.

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„Pack’ Deine Koffer und komm’ nach Berlin!“ Susannes Worte hatten meine Pläne beflügelt. Ich saß am Steuer meines kleinen Autos und peitschte in Richtung Wuppertal, auf dem Beifahrersitz der Stadtplan, den ich in den Wochen zuvor so oft gebraucht hatte, bis die Knickstellen eingerissen und ausgefranst waren. Ich war in Gedanken. Die Zeit im Bundestag und damit die Wochen in Berlin waren wie im Flug vergangen.

So viele Eindrücke waren in kurzer Zeit auf mich eingeprasselt:
Ich hatte einen Einblick in das Tun der Abgeordneten und ihrer Mitarbeiter erhalten, den Alltag zwischen Plenum, Ausschusssitzungen, Anhörungen, Arbeitsgruppen und Büro kennengelernt. Ich hatte erlebt, wie es ist, zur großen Politik beizutragen und helfen zu können, dass sie auch dem kleinen Mann etwas nützt. Dass Novellierungen von EU-Verordnungen schließlich dem Bauern mehr Geld für seine Milch bringen und Verhandlungen zwischen Parteien und Verbänden am Ende zu einem Beschluss führen, dass Nährwerte auf Lebensmitteln besser ausgewiesen werden. Das vergangene Semester war beherrscht von nie enden wollenden Lerntagen. Stunde um Stunde saß ich an meinem Schreibtisch, büffelte über Wirtschaftsmodellen und politischen Theorien der europäischen Integration. Das konnte nicht alles sein! Wie sieht die Wirklichkeit aus? Wozu nützen all die Tabellen, Paragraphen, Lehrbücher und mathematischen Formeln? Ich hatte es wissen wollen. Kaum in Berlin angekommen, stürzte ich mich in das politische Leben.

Bei der Fraktionssitzung besprach Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee mit seinen Parteigenossen die Teilprivatisierung der Bahn. Im Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz drehte sich alles um die bessere Kennzeichnung verdorbenen Fleisches und Maßnahmen gegen nervende Telefonwerbung. Direkt im Anschluss standen Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft Rede und Antwort zum Gesetzesentwurf der Vorratsdatenspeicherung. Kurz darauf begrüßte Manfred Zöllmer eine Delegation amerikanischer Wissenschaftler und Landwirte. Sie berichteten von alternativer Energie und genmanipuliertem Mais in den USA. Eine Schülergruppe aus Wuppertal erwartete ihren Abgeordneten bereits aufgeregt, um ihn über seine Aufgaben als Politiker zu befragen. Die Fragen der Mitbürger zu beantworten, gehört im Büro zu den wichtigsten Aufgaben. Täglich aktualisieren die Mitarbeiter die Internetseiten, um ständig über den neuesten Stand zu Entscheidungen im Verbraucherschutz zu informieren. Flexibel und abwechslungsreich sind die Tätigkeiten des Büroteams. Einen Berufsalltag mit langweiliger Routine gibt es nicht. Oft werden Fragen von der Presse aufgeworfen, die ein schnelles Handeln der Politiker erfordern. Plötzlich werden bis dahin in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Themen heiß diskutiert, Tagesordnungspunkte kurzfristig geändert. Trotz der Vielfalt an Themen und der Fülle an Terminen kann Manfred Zöllmer darauf vertrauen, dass seine Mitarbeiter eine verlässliche Vorarbeit leisten. Das Team um Büroleiter Markus Caspers recherchiert, besucht Anhörungen, spricht mit Experten und Sachverständigen und wertet Lobbyveranstaltungen von Verbänden und Wirtschaftsvertretern aus.

Ich packte mit an. Sofort hatte ich das Gefühl, schon ewig zum Team zu gehören. Meine wissenschaftlichen Kenntnisse aus dem Studium kamen mir zugute. Preisregulierung, freier Wettbewerb und die Doha-Runde waren für mich keine Fremdwörter. Begeistert stellte ich fest, dass die Theorie des Studiums hier seine Anwendung findet. Ich konnte das Gelernte einsetzen und modelltheoretische Überlegungen auf die Wirklichkeit übertragen, so dass sie dem Verbraucher nützen. Dabei dürfen die Berliner Politiker heute nie die europäische Dimension der Bundespolitik aus den Augen verlieren. Die meisten Gesetze sind verflochten mit Verordnungen, Vorgaben oder Rahmenbedingungen aus Brüssel. Das Zusammenspiel von Bundes- und Europapolitik wird besonders in Bestimmungen aus Verbraucherschutz und Landwirtschaft sichtbar. Soll Deutschland sein Gütesiegel der „geprüften Sicherheit“ tatsächlich für eine europaweit einheitliche Produktkennzeichnung aufgeben? Wäre es nicht besser, an der deutschen Kennzeichnung festzuhalten? Wie können wir die Interessen des Verbrauchers optimal umsetzen? Nie zuvor hatte ich mich mit Fragen des Verbraucherschutzes so intensiv befasst. Warum eigentlich nicht? Die Themenvielfalt und das Aufgabenspektrum sind so abwechslungsreich, wie ich es mir für meinen späteren Beruf schon immer gewünscht habe. Die Ergebnisse der Arbeit kommen direkt beim Konsumenten an.

Noch 50 Kilometer bis Wuppertal. Eine aufregende Zeit lag hinter mir. Das nächste Semester würde in wenigen Tagen beginnen. Ich freute mich darauf. Schließlich kann man die Theorie gut gebrauchen. Den Stadtplan von Berlin steckte ich behutsam in meine Tasche. Ich glaube, Susanne, den werde ich bald wieder brauchen!